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Verantwortungsbewußtsein par excellence

21. Dezember 2008

Die Diskussion um „Killerspiele“ hat mich bisher nicht angefochten, allerdings vermeldeten heise online und golem.de gestern einen „Kölner Aufruf gegen Computergewalt“ und dieser löste bei mir mehr als nur grosse Bauchschmerzen aus. Ich unterstelle dabei den AutorInnen und UnterzeichnerInnen hehre Ziele mit diesem Aufruf. Allein reicht dies aus und rechtfertigt das diesen Aufruf?

Sollte sich jemand die UnterzeichnerInnenliste zu Gemüte führen, könnte er/ sie behaupten, dass es sich bei den UnterzeichnerInnen um die „üblichen Verdächtigen“ handelt, gleichso als wenn sie die Weihnachtszeit – Geschenkezeit für ihre Aufmerksamtkeit nutzen wollten. Allerdings halte ich dies für weit gefehlt, klischeehaft und intolerant. Deshalb halte ich auch nichts davon, dass in „den Medien“  die prominenten VertreterInnen immer voran gestellt werden, spiegeln doch gerade sie nicht die Mehrheit der UnterzeichnerInnnen wider.
Für mindestens genauso weit gefehlt, klischeehaft und intolerant halte ich allerdings auch diesen Aufruf – mehr noch, er geht am eigentlichen Thema meines Erachtens vorbei. Ist die Überschrift in meinen Augen noch richtig, so hakt es bereits im Untertitel. Geht es wirklich nur um Computergewalt, was ist eigentlich Computergewalt, gibt es nur Spiele in denen Gewalt eine Rolle spielt, …?
Dabei ging es doch eigentlich und ursächlich um eine neue, zeitgemäße Definition von Kulturgütern.

1. Killerspiele sind Landminen für die Seele

Das ist Demagogie pur.
Nicht genug, das hiermit die Millionen Minenopfer verhöhnt werden, negiert diese Formulierung unsere Verantwortung, also auch die der AutorInnen und UnterzeichnerInnen des Aufrufes. Es ist unbestriiten, dass Gewalt Gift ist für jede Seele, aber dies beschränkt sich eben nicht nur auf Computerspiele. Was tun wir eigentlich gegen Gewalt?! Was tun/ taten die AutorInnen gegen Landminen, wo waren in den letzten Jahren gerade bei dieser Diskussion ihre Wortmeldungen?!
Und dann wollen wir doch eines nicht vergessen, diese Bundesrepublik ist einer der größten Waffenexporteure auf dieser Erde. Auch das ist Gewalt, aber da geht es ja um deutsche Arbeitsplätze.
Wir sind nicht in der Lage in unserem Alltag auf Gewaltformen aller Art zu verzichten, aber „unseren Kindern“ wollen wir mit einem weiteren Verbot (übrigens auch eine Form der Gewalt) begegnen. Ist dies nun Feigheit, Unvermögen, Unwissenheit, Gefühlsarmut und/oder grenzenlose Unbedarftheit und dies meine ich nicht rhetorisch.

2. Killerspiele sind aktives Kriegstraining

Unabhängig davon, dass der erste Ego-Shooter lange erschienen war, bevor die US-Army diese Form des Trainings und der Rekrutierung für sich entdeckte, nutzt auch die Bundeswehr solche Simulationen. Und nebenbei bemerkt, Simulationen aller Art sind in meinen Augen zu allererst Denkspiele, diese werden auch in der Sozialforschung genutzt (vgl. Milgram-Experiment)  und eigentlich hätte kaum jemand vor „dem September“ daran gedacht, dass der MS Flight Simulator ein Spiel für Terroristen ist.
Es ist absurd anzunehmen, dass allein diese umstrittenen Spiele Auslöser für Mord und andere Gewaltverbrechen sind. Dazu gehört dann doch einiges mehr und das infame an dieser Formulierung ist die implizite Formulierung, die voraussetzt, dass jede(r) Spieler(in) ein Killer oder zu gut deutsch ein Mörder ist.

3. Wer profitiert vom Krieg in den Köpfen?

Qui bono?
Diese Frage stelle ich mir auch bei diesem Aufruf.

4. Komplizen, Kollaborateure und Profiteure der Killer-Industrie

Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, Pauschalisierungen sind angesichts dieser Diskussion unzulässig. Einerseits schlagen die AutorInnen auf „die Games-Industrie“ ein und andererseits negieren sie alles, was nicht zu den „Killerspielen“ gehört. Und dann verschiesen sie Nebelkerzen bzw. „Nebelbegriffe“. Da wird Medienkompetenz in den pseudo-wissenschaftlichen Bereich verlegt und negiert, dass auch sie mit zum Bildungskanon gehört, schließlich will auch der Umgang mit einem Buch gelernt sein.
Da werden Killerspiele zum Schulstoff gemacht, denn schließlich erwerben Kinder und Jugendliche ihre Medienkompetenz auch in der Schule. Bewußt wird dabei vergessen, dass gerade im Bereich der Bildung viele Verbote im Umgang mit Computern das Bild des letzten Jahrzehntes begleitet haben. Und ich kann auch nicht vergessen, wie gefährlich in diesem Zusammenhang die LAN-Parties waren, bevor die ersten Handreichungen seitens der Länder erschienen.
Damit es dann komplett wird, desavouieren [1] sie gleich noch alle Kritiker und schreibenden Medienpädagogen, die sich gegen die unzulässige Verallgemeinerung der AutorInnen und einiger veröffentlichter empirischer Studien äußern. Darüber hinaus machen sie sie gleich noch zu Profiteuren des Militärisch-industriellen Komplexes.
Abschließend suggerieren die AutorInnen und UnterzeicherInnen auch noch einen Verfassungsbruch (pdf). Da stellt sich sicherlich nicht nur mir die Frage -diese ist nicht rethorisch gemeint-, wann bringen die AutorInnen diesen Verfassungsbruch zur Anzeige bzw. Klage?!

5. Wer verantwortlich ist

Wir!
Alle, Eltern, Geschwister, Familie; Bildung, Politik, Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung, Medizin und Soziales und nicht zu letzt auch die Wirtschaft. Wo waren wir, respektive auch die AutorInnen des Aufrufes, eigentlich als die Computer in das Leben unserer Kinder einzogen und damit auch digitale Spiele? Wer hat sich denn wirklich Sorgen gemacht?
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Es wurde doch fast ausschließlich nur von den „neuen“ Chancen und Möglichkeiten gesprochen und geschrieben. Das gesamte Soziale und Wirtschaftliche wurde doch völlig ausgeblendet, so wie jetzt mit diesem Aufruf auch!
Es reicht eben nicht aus, nur einen Umstand zu kritisieren und Verbote zu fordern. Wir leben in einer Demokratie und in einer solchen muss man zumindest Mehrheiten herstellen. Noch besser wäre allerdings ein gesellschaftlicher Konsens sowie ein gepflegter Umgang mit divergierenden Meinungen.

Ich lasse nicht zu, dass

  • Computerspiele allein auf gewaltorientierte Spiele reduziert werden,
  • Versäumnisse/ Fehler/ Unterlassungen/ Verweigerungen in Familie, Krippe, Kita/ Kindergarten, Schule, Ausbildung/ Studium, Kunst und Kultur, Politik und Wirtschaft,Wissenschaft und Forschung, Medizin und Sozialem -sprich in dieser Gesellschaft- auf dem Rücken und im Namen „unserer Kinder“ ausgetragen werden,
  • das geltendes Recht nur auf Computerspiele angewandt wird,
  • die Köpfe und Herzen „unserer Kinder“ zum neuen Schlachtfeld für divergierende Meinungen, Auffassungen und Einstellungen werden,
  • eine Minderheit sich mit dem Verweis auf „die schweigende Mehrheit“ die Definitionshoheit sichert,
  • „unsere Kinder“ wieder allein gelassen werden.

Ich fordere, dass

  • Gewalt ein Thema ist,
  • kein persönliches Thema ist,
  • allen Kindern die gleichen Chancen auf Bildung eingeräumt werden,
  • alle Wissenschaftler ihre Verbindlichkeiten (inklusive Parteibuch und staatlichen Anstellungen) zu Wirtschaft und Politik aufdecken,
  • Personen und wirtschaftlich orientierte Personenzusammenschlüsse jedweder Art, die Gewalt anwenden, keine politische, finanzielle oder sonstige Förderung und Unterstützung erhalten.

Seit ca. 20 Jahren ist der „Computer“ (x86) auf dem „Markt“ und seit rund 15 Jahren ist er ein „Massenmedium„.
Und was ist davon wirklich angekommen, zum Beispiel im Bereich Bildung und Erziehung?! Nicht viel für meine Begriffe, Schulen wurden kaputt gespart, die technische Ausrüstung (inklusive Computer) lässt mehr als zu wünschen übrig. Die Pädagogenausbildung und -qualifizierung (dies betrifft bei Leibe nicht nur Lehrer und wir wagen es von lebenslangem Lernen zu fabulieren) hängt hinter her, die „Politik“ denkt in Wahlkampfrhythmen statt in Lebenszyklen, die „Wirtschaft“ fordert und jammert und zur gleichen Zeit erobern sich „unsere Kinder“ ein Medium und probieren sich -mit allen Vor- und Nachteilen- aus, nehmen nichts für gegeben, hinterfragen und hintergehen alle Regeln und lassen uns ganz schön alt aussehen.

Und wir – statt mit „unseren Kindern“ zu reden, ihnen zu zuhören, ihre Fragen zu beantworten, ihre Probleme Ernst zu nehmen, wir reagieren wie nicht anders zu erwarten war, mit Verboten und Verbotsforderungen, mit Zensur und Überwachung, mit drakonischen Strafen und exorbitanten Regelbrechungen.

Dieser Aufruf ist Barbarei.

„Ich will unter keinen Umständen ein Allerweltsmensch sein. Ich habe ein Recht darauf, aus dem Rahmen zu fallen, wenn ich es kann.
Ich wünsche mir Chancen, nicht Sicherheiten. Ich will kein ausgehaltener Bürger sein, gedemütigt und abgestumpft, weil der Staat für mich sorgt.
Ich will dem Risiko begegnen, mich nach etwas zu sehnen und es zu verwirklichen, Schiffbruch zu erleiden und Erfolg zu haben.
Ich lehne es ab, mir den eigenen Antrieb mit einem Trinkgeld abkaufen zu lassen.
Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens entgegen treten als ein gesichertes Dasein führen, lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolges als die dumpfe Ruhe Utopiens.
Ich will weder meine Freiheit gegen Wohltaten hergeben noch meine Menschenwürde gegen milde Gaben.
Ich habe gelernt, selbst für mich zu denken und zu handeln, der Welt gerade ins Gesicht zu sehen und zu bekennen, dies ist mein Werk.“
Albert Schweitzer

[1] „(in der Öffentlichkeit) bloßstellen; nicht anerkennen, in Abrede stellen, verleugnen.“
Brockhaus-Enzyklopädie: in 24 Bd. – 19. völlig neubearb. Aufl. – Mannheim Brockhaus; Bd. 5. – Cot-Dr. – 1998; ISBN 3-7653-1105-7; S. 270

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2 Kommentare

  1. Ich meine , dass auch hier mal wieder diejenigen am lautesten schreien, welche am meisten versagt haben…


  2. Ich verstehe diesen Kommentar nicht ganz, aber solltest Du mich damit meinen – diese Jacke ziehe ich mir nicht an.



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